Halberstadt l Ein Schmuckstück im Herzen der Stadt. Multifunktional. Beeindruckend. Ein Ort der Kultur und Begegnung. Auf dem Papier ist die Wiederbelebung des Kulturhauses geglückt. In der Realität sieht es anders aus. Der Verfall des leer stehenden Gebäudes Ecke Spiegelstraße/Harmoniestraße ist nicht zu übersehen: vergilbte Plakate blättern von den Außenwänden, Fensterscheiben fehlen, Unkraut wuchert. Dennoch glaubt Jörg Felgner, stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, an eine Zukunft für die einstige Kulturstätte – nicht dank Sanierung, sondern mit einem Neubau.

Realisierung noch weit entfernt

Neu ist diese Idee nicht. Bereits vor gut einem Jahr hat sie der damalige Landtagskandidat mit seinen Mitstreitern vorgestellt. War das nur Stimmenfang? Denn passiert ist bislang nichts. „Wir stehen nicht kurz vor der Realisierung des Projekts“, räumt Felgner ein. „Aber die Pläne sind noch genauso wie vergangenes Jahr.“

Ein modernes Gebäude soll anstelle des maroden 1970er-Jahre-Baus entstehen, das im Inneren flexibel für die Ansprüche der Nutzer gestaltet ist. Es soll Platz bieten für Veranstaltungen, Tagungen, Konzerte und Familienfeiern. Nicht zuletzt soll es dem Nordharzer Städtebundtheater als neue Spielstätte dienen.

 

Theaterintendant begrüßt Pläne

Vorgestellt wurde das den Theaterverantwortlichen vor gut einem Jahr, berichtet Sebastian Clar, Sprecher und Dramaturg. Seitdem sei allerdings nichts weiter passiert – obwohl der Plan beim Intendanten Johannes Rieger sehr wohl auf Interesse gestoßen sei.

Kein Wunder, stehen dem zum Teil denkmalgeschützten Haus in den kommenden Jahren Sanierungen bevor. Einige der Versorgungsleitungen stammen aus den 1940er Jahren. „Man darf nicht außer Acht lassen, dass auch in Sachen Brandschutz hohe Kosten auf das Theater zukommen“, gibt Jens Müller zu bedenken.

Supermarkt ist nicht gewollt

Das SPD-Stadtratsmitglied ist beratendes Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss. Als solches sei ihm daran gelegen, dass es mit dem Kulturhaus vorangehe. Aber nicht um jeden Preis. So spricht er sich vehement dagegen aus, an der vielbefahrenen Hauptstraße einen Supermarkt zu errichten. Derartige Pläne gab es zuletzt vor rund fünf Jahren, der Stadtentwicklungsausschuss lehnte sie ab. Wie Müller erläutert, hat die Stadt zwar ein gewisses Mitspracherecht, was mit dem Gebäude – errichtet als Klubhaus der Werktätigen – geschieht, allerdings könne sie selbst nicht eingreifen.

Eigentümerin war sie nämlich nie. Mitte der 1990er Jahre ist das Haus vom Landkreis an einen privaten Eigentürmer verkauft worden. Die letzten Besitzer mussten 2002 Insolvenz anmelden – seitdem steht das Gebäude leer. „Immer mal wieder gab es Interessenten, aber es war nichts Definitives dabei“, sagt Thomas Pieper.

Schwierige Eigentumsverhältnisse

Er ist Angestellter der BAG Bankaktiengesellschaft, einem Spezialisten für Problemkredite und zu 99,9 Prozent Eigentum des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Das Bankhaus gab den letzten Besitzern einen Kredit für den Kauf. Wie hoch die Schulden sind, die auf dem Gebäude lasten, darf Pieper nicht mitteilen.

Fest steht dagegen, dass allein der Abriss der Ruine mit einem sechsstelligen Betrag zu Buche schlagen wird, informiert Olaf Herbst. Der Ingenieur, der planerisch zum Beispiel an der Neugestaltung des Halberstädter Bahnhofs und des Friedensstadions involviert war, unterstützt die Pläne der Halberstädter SPD. Seine Schwiegertochter Anne Herbst, Architektin, fertigte den Entwurf eines Kulturhaus-Neubaus an. Er beziffert die Kosten – inklusive Tiefgarage – auf 30 bis 35 Millionen Euro.

Förderperiode läuft aus

„Das Geld ist nicht unser größtes Problem“, sagt Jörg Felgner, der von April bis November 2016 Wirtschaftsminister war. Wenn sich das Theater dauerhaft an das Projekt binde, stünden die Karten gut für Fördergeld. „Die Zeit drängt. Die letzte große Förderung der EU läuft nur noch bis 2020, der Solidarpakt endet dann auch.“

Investoren, die sich des Klubhauses annehmen wollen, haben sich bislang nicht gemeldet, so Felgner. Dagegen haben den Politiker, der in Magdeburg wohnt, viele Geschichten von Halberstädtern erreicht, die sich um das ehemalige Veranstaltungszentrum drehen, berichtet der 44-Jährige. „Das Kulturhaus ist ein wichtiger Identifikationspunkt, es hat einen hohen emotionalen Wert.“

Zuspruch zu Online-Petition

Das zeigt sich aktuell im Internet. Eine Online-Petition, die Hans-Jürgen Müller aus Aderstedt vor zwei Wochen gestartet hat, hat Debatten im sozialen Netzwerk Facebook ausgelöst. Auf der Petitions-Plattform change.org schwelgen Nutzer in Erinnerungen an das Haus und die dortigen Veranstaltungen. 134 Menschen unterzeichneten bislang Müllers Appell an die Stadt, sich der Ruine anzunehmen. Guten Morgen